Wolfgang Steiert, Trainer der russischen Skisprung-Nationalmannschaft, tritt im Interview mit der Internet-Seite "www.gazprom-sport.de" Meldungen entgegen, dass es finanzielle Engpässe gibt.
Schalke 04 hat die Champions League verpasst, sind denn die russischen Skispringer schon in der Königsklasse?
Wolfgang Steiert: Ich bin ein Riesen-Fan von Schalke 04 und ich hatte gehofft, dass sich die Mannschaft für die Champions League qualifiziert. Wir haben schließlich das gleiche Ziel. Wir wollen unter die Creme de la creme, das heißt unter die ersten sechs mit unseren Athleten, auch einmal auf das Treppchen und natürlich bei der Vierschanzentournee vorne mitspringen. Denn das ist die Königsklasse beim Skispringen.
In letzter Zeit hat man gehört, dass es finanzielle Probleme bei den russischen Skispringern geben soll. Was ist an diesem Gerücht dran?
Steiert: Da ist nun wirklich nichts dran. Unsere Gehälter sind bislang immer pünktlich überwiesen worden. Wir sind sehr stolz, dass wir von unseren deutschen Sponsoren, insbesondere von Bionorica, Adidas und GAZPROM Germania, immer bestens behandelt worden sind und weiter sehr gut zusammenarbeiten. Wir haben noch keinen einzigen Trainingstag in unserem Jahresplan absagen müssen, weil es finanzielle Einschnitte gab. Andererseits ist der russische Skiverband aber auch nicht auf Rosen gebettet. Das spüren wir im Bereich der Reise- und Telefonkosten. Hier wird wie auch in anderen Ländern kräftig gespart.
Wie sind denn die Voraussetzungen in Russland? Gibt es dort viele Schanzen? Hat man die Möglichkeit, auf viele Nachwuchsspringer zurückzugreifen?
Steiert: Russland hat zwar viele Nachwuchsspringer, doch leider gibt es zurzeit keine Weltcup-reife Schanze im Land. Diese werden erst noch gebaut, in St. Petersburg mit Hilfe von GAZPROM oder in Sotschi, der Olympia-Stadt von 2014. Doch die Anlagen werden frühestens 2011 fertig sein. Wir führen daher sehr viele Trainingslager in Mittel-Europa durch. Meistens sind wir dann zwei bis drei Wochen unterwegs. Das ist für die Athleten eine große Belastung, die sie aber gerne auf sich nehmen. Wir sind überzeugt, dass wir uns, wie in den letzten zwei, drei Jahren, weiter steigern können und dass wir mit zwei, drei Athleten vorne attackieren können.
Wie werden ihre Springer denn gefördert, wie sieht das Training bei Ihnen aus?
Steiert: Das ähnlich wie im Fußball. Spitzensportler brauchen eine lange Vorbereitung, damit sie über die gesamte Saison ihre Leistung bringen können. Im Sommer wird bei uns gesät, im Winter dann geerntet. In den meisten Fällen waren die Spitzenspringer aus dem Sommer im Winter nicht mehr vorne mit dabei. Deswegen war es unser Ziel, dass wir im Sommer hart an uns arbeiten und in den Wintermonaten dann Erfolge erzielen.
Was macht für Sie die Faszination des Skispringens aus?
Steiert: Ich bin jetzt seit 18 Jahren Trainer und war vorher selbst Springer. Unser Ziel ist es, mit kleineren Mitteln und mit wenigen Schanzen die anderen Nationen anzugreifen. Wir wollen das Optimale aus den Athleten rausholen, die Aerodynamik voll nutzen und die Springer auf den Punkt vorbereiten. Das ist für mich als Trainer die Faszination des Skispringens.
Was muss ein guter Skispringer mitbringen?
Steiert: Das ist ähnlich wie beim Fußball. Er muss eigentlich schon perfekt sein, wenn er in der Nationalmannschaft antritt. Ein Spitzen-Skispringer muss eine gute Aerodynamik haben, Fluggefühl mitbringen, seine konditionelle Grundlage muss stimmen und die Sprungkraft optimal sein. Es gibt unheimlich viele Punkte, die stimmen müssen, damit ein Athlet auch ganz vorne mit angreifen kann. Wie im Fußball kommen auch beim Skispringen nur die Besten durch.
Was ist der Unterschied zwischen dem Aktiven Wolfgang Steiert und dem Trainer?
Steiert: Zu meiner aktiven Zeit war die Technik noch nicht so ausgereift, ich bin noch im Parallelstil gesprungen, da war alles noch nicht so weit wie heute. Ich hatte wahrscheinlich auch nicht den richtigen Trainer, der mir mal in den Allerwertesten getreten hat. Und dann kamen viele Stürze dazu, irgendwann verließ mich die Lust und ich hatte nur noch Angst. Die Bedingungen waren nicht so, dass ich sagen würde, ich vermisse diese Zeit.
Mir hat es eigentlich mehr Spaß gemacht, später mit Springern wie Martin Schmitt und Sven Hannawald zu arbeiten, mit jungen Athleten, die man formen und in die Weltklasse bringen kann. Wenn dann Hannawald vier Springen bei der Tournee gewinnt, das ist schon einzigartig. Dann hat man als Trainer eigentlich alles erreicht. Ich bin in der Folge nach Russland gegangen und habe dort bei Null begonnen. Auch das macht Spaß, denn wir haben schon einiges erreicht und werden noch einiges erreichen.
Was ist das für ein Gefühl, wenn man von der Schanze springt und fliegt?
Steiert: Es gibt für einen Skispringer nichts Schöneres, wenn man von 105 km/h auf der Schanze beschleunigt und dann 150 oder sogar 200 Meter weit springt. Aber es kann auch ein schreckliches Gefühl dabei herauskommen, wenn der Sportler auf einer Skiflugschanze nur sehr kurz springt. Deswegen sollte man nicht mit jedem Athleten auf diese Schanzen gehen. Wenn ich nach dem langen Sommertraining auf die Schanzen gehe und die guten Ergebnisse meiner Springer im Winter sehe, dann ist das auch für den Trainer ein tolles Gefühl.
Wer ist ihr Favorit aus der russischen Mannschaft für den kommenden Winter?
Steiert: Wir haben nach den bisherigen Trainingeindrücken zurzeit sicher vier Springer, die unter die besten 15 Athleten kommen können. Mit Dmitry Vassiliev, Pavel Karelin und Denis Kornilov haben wir Top-Athleten dabei, die auch mal um den Sieg mitspringen können. Das Ziel wird aber zunächst sein, auf einen Platz unter den besten 15 zu kommen.