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"Ich hatte es damals wesentlich einfacher"

"Ich hatte es damals wesentlich einfacher", will Olaf Thon seinen Karrierestart nicht mit dem heutigen Nachwuchs vergleichen.

Olaf Thon ist ein Schalker durch und durch. Seine Tore beim legendären 6:6 im DFB-Pokal gegen Bayern München sind genauso noch immer in aller Munde wie der UEFA-Pokal-Triumph in Mailand, bei der der gebürtige Gelsenkirchener Thon den begehrten Cup als Kapitän in den Mailänder Nachthimmel reckte. Heute arbeitet Olaf Thon als Repräsentant Marketing und Berater des Vorstandes beim FC Schalke 04.

Für GAZPROM Sport stellte sich das Schalker Urgestein zum Interview - kurz vor der Begegnung gegen den 1. FC Köln.
 
Sie sind mit den Bayern Meister geworden, haben mit Schalke den UEFA-Pokal gewonnen und wurden 1990 Weltmeister. Was war Ihr schönstes Erlebnis in Ihrer aktiven Karriere?
 
Olaf Thon: Wenn man es auf ein Spiel bezieht, dann kann es nur eins geben: Es war das 6:6 am 2. Mai 1984 im DFB-Pokal gegen den FC Bayern München, einen Tag nach meinem 18. Geburtstag. In diesem Spiel sind mir drei Treffer gelungen. Im Wiederholungsspiel haben wir unglücklich mit 2:3 in München verloren. Dadurch haben wir leider keinen Titel geholt.
 
Vom reinen Titel aus gesehen - ist es der UEFA-Pokal-Sieg. Er steht über dem ersten Meistertitel mit den Bayern und auch über dem Weltmeister-Titel. Das liegt vielleicht auch daran, weil ich 1990 nur zwei Spiele gemacht habe.
 
Beim Sieg im UEFA-Pokal habe ich mit außergewöhnlichen Persönlichkeiten zusammengearbeitet. Spieler, Trainer und Manager haben das ganze damals geprägt als das schönste Jahr in meiner Karriere. Als Kapitän in San Siro den Pokal zu bekommen – die Freudentränen der Fans zu sehen - das war wirklich das schönste Erlebnis in meiner aktiven Zeit.
 
 
Die UEFA-Pokal-Helden sind als Eurofighter bekannt geworden. Aber es kann ja nicht nur der Kampfgeist gewesen sein. Wo lag das Geheimnis der Mannschaft 1997?
 
Olaf Thon: Da spielte erst mal der Zusammenhalt der Truppe eine große Rolle. Spieler, Trainer und Manager passten wirklich hervorragend zusammen. Wir waren auch individuell so stark, dass wir uns als Mannschaft vor anderen Teams nicht verstecken mussten. Natürlich kam am Ende auch Kampfgeist und Moral dazu, denn wir haben ja zum Ende des Wettbewerbs ohne unsere Stürmer Mulder und Max gespielt. Zudem war jeder Spieler auf seiner Position unschlagbar, wenn ich an Yves Eigenrauch, an Johan de Kock oder Marc Wilmots denke. Oder an Ingo Anderbrügge, an Youri Mulder, an Martin Max, Mike Büskens, an Andreas Müller oder Jens Lehmann.

 
Hat man Ihnen in München das sprichwörtliche "Sieger-Gen" eingepflanzt, so dass Sie schon gegen Kerkrade an den Endspielsieg gedacht haben?
 
Olaf Thon: Man bekommt das schon relativ früh eingeimpft bei den Bayern, und damit kommt auch die Selbstsicherheit, wenn man auf den Platz geht. Man weiß dann, dass man von den spielerischen Möglichkeiten einen Vorsprung hat und das sollte man dann auch öffentlich kundtun, damit der Gegner von vornherein eingeschüchtert ist. Ein Klaus Augenthaler oder ein Hansi Pflügler haben einem das sehr schnell beigebracht, damit einem das in Fleisch und Blut übergeht.
 
Ich sage immer gerne im Scherz: Ich habe sechs Jahren im Ausland gelernt, um dann auf Schalke das Erlernte umzusetzen. Das wäre aber nur die halbe Wahrheit. Ich glaube aber, das passte einfach, dass sich 1997 auf Schalke eine Mannschaft gefunden hat. Nach dem ersten Spiel waren wir einfach alle nur froh, dass wir international mitgehalten haben und keine Schande für den deutschen Fußball waren. Nach dem Sieg gegen Trabzonspor war uns dann aber klar, da ist auch mehr möglich.
 
 
Sie kamen bereits als 17-Jähriger zu regelmäßigen Einsätzen in der Bundesliga. Ist das heute überhaupt noch denkbar?
 
Olaf Thon: Ich hatte es damals wesentlich einfacher. Diese erhöhte Konkurrenz durch ausländische Spieler – wie sie es heute gibt – hatten wir damals nicht. Der einzige Spieler, der nicht aus Deutschland kam, war Pavel Macak und der war Torwart. Wurde zu meiner Zeit in erster Linie in Deutschland gescoutet, so sind die Scouts heute doch weltweit aktiv. Dadurch ist die Konkurrenz gerade für junge Spieler sehr viel größer. Außerdem hatte ich noch das Glück, dass ich in der zweiten Liga starten durfte und dann nach dem Aufstieg Stammspieler wurde. Das sind natürlich Voraussetzungen, unter denen man sich viel leichter entwickeln kann.
 
Heutzutage haben es die Spieler in jungen Jahren viel schwieriger, in vielen Fällen müssen sie sich erst einmal bei anderen Vereinen beweisen, wie das bei Markus Babbel, Philipp Lahm oder Toni Kroos der Fall war und ist. Ausnahmen bestätigen zwar die Regel, ein Podolski hat es geschafft, aber nur bei Köln nicht bei den Bayern. Auch Lionel Messi ist ein solches Beispiel. Ich hoffe, dass es bei Schalke auch mal wieder einen gibt.
 
 
Manuel Neuer, Christian Pander oder Benedikt Höwedes. Drei Talente, die in den vergangenen Jahren den Sprung von der Jugend zu den Profis geschafft haben. Sind die Schalker mit dieser Philosophie auf dem richtigen Weg?
 
Olaf Thon: Das ist ja schon seit längerer Zeit unser Ziel, das ich auch schon in meiner Zeit als Aufsichtsrat mit verfolgt habe. Wir haben damals Mittel für die Förderung des Nachwuchses freigesetzt. Wir sind mit diesen drei Spielern schon gut aufgestellt und wir haben auch noch einige gute Kicker in der Hinterhand. Ein wenig ironisch kann man höchstens sagen: Jetzt ist schon mal wieder ein offensiver Mann dran, denn das genannte Trio verstärkt ja die Abwehr.
 
 
Bei der WM 1990 haben Sie im Halbfinale gegen England den entscheidenden Strafstoß im Elfmeterschießen verwandelt und waren im Endspiel nur Ersatz. Fühlen Sie sich trotzdem als Weltmeister?
 
Olaf Thon: Ich fühle mich deshalb als Weltmeister, weil ich sehr spät auf den WM-Zug aufgesprungen bin. Ich hatte mich im Dezember 1989 verletzt und erst im April wieder mein erstes Bundesliga-Spiel gemacht. Ich hatte eigentlich nicht mehr damit gerechnet, dass ich mitfahre nach Italien. Nur weil Franz Beckenbauer mich mochte, hat er mich mitgenommen und zu mir gesagt: „Dich werden wir noch brauchen!"
 
Ich habe mich dann heran gekämpft und gegen Kolumbien in der Vorrunde das erste Spiel gemacht und dann gegen England über 120 Minuten gespielt. Ich wusste, nur wenn ich den Elfmeter schieße, habe ich eine Chance auf das Finale. Das habe ich aber nicht geschafft, weil Beckenbauer auf Littbarski und Häßler gesetzt hat. Ich war damals enttäuscht. Ich habe aber alles sachlich abgewägt. Nach zwei, drei Stunden war ich so weit, dass ich gesagt habe: Ich bin auch Teil dieser Weltmeister-Mannschaft und fühle mich als Weltmeister!
 
 
2002 endete Ihre aktive Karriere. Sind die Medien damals nicht auf Sie zugekommen, um Sie als Experten zu gewinnen?
 
Olaf Thon: Damals war man noch nicht so weit. Ich habe aber in den vergangenen Jahren immer mal wieder als Kommentator oder Fußball-Experte für verschiedene Sender gearbeitet und eine solche Aufgabe kann ich mir auch für die Zukunft gut vorstellen.
 
 
Wenn Sie sich im Rückblick auf Ihre aktive Zeit als Fußballer etwas wünschen hätten können, was wäre das gewesen? Vielleicht weniger Verletzungen?
 
Olaf Thon: Ich hatte mehr als zehn Operationen und die haben auch verhindert, dass ich noch einmal ins Ausland gehen konnte. Das wäre sicher noch einmal eine besondere Herausforderung gewesen. Aber ich muss auch sagen: Wer 19 Jahre Profi ist und bei den beiden besten deutschen Vereinen gespielt hat, der darf sich nicht beschweren.
 
Sie haben in Ihrer heutigen Funktion auch viel mit Sponsoren zu tun. Ist Deutschland und vor allem Schalke in dieser Sache Vorreiter oder könnte man noch viel mehr machen?
 
Olaf Thon: Bei uns auf Schalke, aber auch generell in Deutschland, sind Sponsoren vor allem Partner und das unterscheidet uns zum Beispiel von England, wo sich die Vereine größtenteils aus Fernsehgeldern finanzieren. Von der Sponsoren-Arbeit müssen beide Seiten profitieren und mit unseren derzeitigen Partnern können wir durch dick und dünn gehen. Und das macht uns auch in der jetzigen Finanzkrise ein wenig unabhängiger, obwohl wir das natürlich auch spüren.
 
 
Die Schalke-Fans und die Verantwortlichen warten seit 1958 auf einen Meistertitel. Ist das Motivation oder lähmt es?
 
Olaf Thon: Naja, es gibt Vereine wie zum Beispiel Berlin, da ist die Wartezeit noch länger. Aber wir waren in den vergangenen Jahren immer mal wieder dran und man muss einfach ein wenig Geduld haben, die Zeit wird kommen. Eine Meisterschaft kann man nicht planen, das muss sich in einer Saison entwickeln.
 
 
Sie sind als gebürtiger Gelsenkirchener ein waschechter Schalker. Was macht für Sie den Mythos Schalke aus?
 
Olaf Thon: Ja, ich bin in Gelsenkirchen-Horst geboren und in Beckhausen aufgewachsen. Für mich ist der Mythos Schalke Szepan, Kuzorra und der Schalker Kreisel. Dieser positive Virus ist an die nächsten Generationen weitergegeben worden und wird dadurch aufrechterhalten.
 
Können Sie sich eigentlich eine Bundesliga ohne den Bayern-Manager Uli Hoeneß vorstellen?
 
Olaf Thon: Zunächst einmal ist jeder ersetzbar. Aber durch die neue Struktur beim FC Bayern wird er ja nur einen neuen Posten besetzen und wird dadurch ebenfalls sehr viel Einfluss nehmen. So einen wie Uli werden wir noch in den nächsten 20, 30 Jahren in der Bundesliga erleben, da bin ich mir sicher.

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